one9/cengs'vo'jaemraeh
komponierte Simultanaufführung für Akkordeon, akustisch verstärkten E-Bass,
2 CD-Player
(1991/2002)
von John Cage/Sven Hermann
one9
(für Sho solo, hier in der Version für Akkordeon, eingerichtet von Sven Hermann)
ist ein sehr unspannendes Stück und gleichzeitig auch das wohl aufregendste
überhaupt. Basierend auf diesem Paradoxum wird das Publikum auf ein Hören ins
Innere eingeladen, ins Innere des Klangs und auch ins eigene Innere. Denn in
one9 passiert während seiner 2-stündigen Aufführungsdauer formal nichts.
Eventuell formale Zusammenhänge sind zeitlich so extrem gedehnt, dass man sich
jeglicher Orientierung während des Hörens nach und nach entledigt. Bei einer
Beethoven-Sinfonie verfolgt und erlebt man die komponierte Dramaturgie der Musik
mit. Hier jedoch entsteht eine völlig individuelle Dramaturgie im Kopf eines
jeden Hörers. Jeder wird das emotional neutrale Stück in immer völlig neuer
und eigener Art erleben - eigene Ängste, den eigenen Kampf gegen den Körper,
eigene Entspannung und Zufriedenheit. Der Komponist Antoine Beuger spricht bei
solch einer Art der Rezeption von einem Spaziergang. Man nimmt sich vor, eine
Stunde lang nach draußen zu gehen, die Gedanken beginnen während der körperlichen
Aktivität zu schweifen, mal bewußt, mal weniger. Genauso hier: die Musik besitzt
weder formal-strukturellen Typus, noch muß man eine Art semantischen Faden verfolgen,
ohne den die Aussage des Werkes nicht aufgehen würde. Mal wird die Musik bewußt
wahrgenommen, dann steigt der Hörer wieder für einige Minuten in seine eigene
Phantasiewelt, durchtränkt von dem Gehörten...
An dieser Stelle setzt
der Gedanke an von einer komponierten Simultanaufführung. cengs'vo'jaemraeh
für E-Bass und CD-Zuspielung ist mit derselben determinierten Zufallsoperation
wie one9 komponiert, das Material ist quasi das Negativ des Cage'schen.
one9 steigt ins Innere des Klangs, cengs'vo'jaemraeh klettert
aus dem Inneren des Instrumentes heraus, denn durch die besondere Art der elektronischen
Klangabnahme des E-Basses über ein über die Saite gerichtetes Mikrophon erscheint
ein simples Glissando wie ein höchst komplexes Klanggebilde mit unvorhersehbarer
Binnenstruktur. Der Dialog zwischen den beiden simultan aufgeführten Stücken
ist keineswegs ein dualistischer. Vielmehr wird dem Hörer ein weiteres Angebot
für seine Zeitwanderung gemacht. Kurze Rastplätze zur Erfrischung, mannigfaltige
Landschaftsaussichten, Wanderpfade mit unterschiedlichen Bodenbeschaffenheiten.
one9 selbst erfährt innerhalb der Simultanaufführung eine Simultanaufführung.
Die Raumzeit von one9 wird gefaltet, vier ausgewählte Segmente werden
übertragen auf eine CD-Zuspielung, so dass sich die Aufführungsdauer von one9/cengs'vo'jaemraeh
auf ca. eine Stunde beläuft.
[sh]
one9/cengs'vo'jaemraeh
simultan mit Filmarbeiten von Jewgenij Kondratiev:
Der Gedanke des Ein- und Aussteigens aus dem Geschehen, das Hin und Her zwischen
Phantasiewelt und Realität wird durch eine visuelle Komponente nochmals bereichert.
Ausgesucht wurden Arbeiten des russischen Filmemachers Jewgenij Kondratiev,
welche wie die Musik auf semantische Ideen verzichten. Nur dadurch ist ein Hin
und Her zwischen Ohr und Auge gewährleistet.
[sh]
[UA: Pfefferwerk
Berlin im Rahmen des Festivals "activa neuer musik", 26.9.2002]
one9/cengs'vo'jaemraeh/Monorail:
Die Einladung
des koreanischen Pianisten, Komponisten und Improvisators Chang-soo Park zu
sich nach Seoul im April 2003 führte zu einer weiteren Simultanstimme für
einen e-bow spielenden Pianisten. Dieser spielt sich wie ein "Monorail"
durch Cage's Partitur hindurch, daher der Titel...eine weitere Rast in der Klanglandschaft...ein
verträumter Blick auf den Boden...durch die dichten Baumkronen hindurch.
Monorail ist Chang-soo Park gewidmet.
[sh,
V 2003]