2002 - MusikTexte-Besprechung des Festivals KOPFHÖRER

Kritik zu kopfHörer/experimentelle musik elektrovisuell 2002 in Bühl/Baden in den Musiktexten von Berndhard Stirner:

Lassen sich im Bereich der "Neuen Musik" noch neue Klangmöglichkeiten entdecken? Oder herrscht auch hier "business as usual", treffen sich die "üblichen Verdächtigen" zum Stelldichein, um über die Fragen zu diskutieren, die das Fachpublikum avancierten Komponierens seit nunmehr fünfzig, sechzig Jahren umtreibt: wie ist der Stand des Materials, gibt es neue Formerfindungen und lassen sich die Grenzen der Musik zu anderen Medien weiter öffnen? Fragen, die ein neues Musikforum mitbestimmten, das unter dem Titel "kopfHörer/experimentelle musik elektrovisuell" im badischen Städtchen Bühl am 5. und 6. Juli stattfand. Zusammengefunden hatten sich drei Partner, um neue Kompositionen vorzustellen, das Gespräch zwischen Publikum und Komponisten zu ermöglichen und visuelle Ebenen von Film und Video miteinzubeziehen. Die künstlerische Konzeption wurde von der Essener Arbeitsplattform Interzone perceptible (Sven Hermann / Matthias Hettmer) in Zusammenarbeit mit Bernd Künzig und seiner Baden-Badener "Agentur für kulturelles Wissen" entwickelt, die Stadt Bühl stellte als Veranstalterin die maßgebliche finanzielle Unterstützung und mit dem Veranstaltungsort des Bürgerhauses Neuer Markt Räumlichkeiten zur Verfügung, mit denen nahezu ideale Klangräume entdeckt werden konnten, die sich vom Foyer in den großen Aufführungsaal hinein erstreckten. Einer der Höhepunkte von "kopfHörer" war zweifelsohne das Konzert von Interzone perceptible nicht allein aufgrund der Anzahl von drei Uraufführungen, sondern auch wegen der ungewöhnlichen klanglichen Kombination eines elektrifizierten Akkordeons und eines E-Basses, die durch den Miteinbezug der Live-Elektronik eine ganz eigene Klangwelt erfinden konnten. Mit den erstmaligen Präsentationen der Werke "bass affair" von Volker Heyn, "Kollaps/Relaps[wormhole]" von Michael Rook und dem barock mäandernden Stück "kaleidoskopes luftsilber" von Hans-Joachim Hespos, stellten die Interpreten nicht nur ihr virtuoses Geschick im klanglichen Ausreizen der Auftragswerke unter Beweis, sondern verdeutlichten ebenso die intensive Zusammenarbeit zwischen den Musikern und ihren Komponisten, die sich in gewaltigen Klangtürmen und -kaskaden im weiten Aufführungsraum ausdehnte. Die bereits erprobte Komposition "Gift.Gelb" von Gerhard Stäbler, die als europäische Erstaufführung gespielt wurde, bestätigte diesen Gesamteindruck. Wie weit der interpretatorische Zugriff an ein Stück reichen kann, akzentuierte Interzone perceptible mit der anschließenden Präsentation ihres Videos "cut up or shut up", von dem es sich nicht zu Unrecht sagen lässt, es basiere auf einer szenischen Komposition von Jeff Kowalkowski. Denn was sich hier bei der schwierigen Beziehung von Bild und Klang abspielt, lässt sich mit Fug und Recht als neues Werk ansehen, das sich parallel neben dem originalen Skript Kowalkowskis bewegt, ohne diesem überflüssige interpretatorische Gewalt anzutun. Wie sehr nun in der Tat bewegtes Bild und sich in den Extremen der Dynamik bewegender Klang miteinander verbinden lassen, war am zweiten Veranstaltungstag mit dem abschließenden Konzert mit Stummfilm zu erleben. Daß der deutsch-expressionistische Stummfilmklassiker "Das Cabinet des Dr. Caligari" von Interzone perceptible nicht ohne Grund gewählt wurde, erschloß sich durch eine Musik, die keineswegs in den Bereich üblich gewordener musikalischer Illustration gerechnet werden kann, sondern die das filmische Werk Robert Wienes wie eine seltsame, andere Form einer Bild-Partitur liest, in der das bereits angelegt ist, was die Musiker achtzig Jahre später mit ihrem hochentwickelten Instrumentarium hervorzaubern: halluzinatorische Stimmen, wagnerhaft waberndes Rauschen und Brummen, Attacken an der Grenze des rationalen Hörens - insgesamt ein dämonisch kreatives Ereignis, das auch einmal verdeutlichte, daß es nicht unbedingt notwendig ist, sich als Komponist als sein eigener Filmregisseur zu betätigen, was in den letzten Jahren auf den großen Festivals der "Neuen Musik" fast schon zum guten Ton gehört. Schließlich am zweiten Veranstaltungstag die gänzlich anders gelagerte Klangwelt mit der das "Schlagquartett Köln" weitere Werke der Komponisten des Vortags zu einem radikalen sinnlich-körperlichen Erlebnis werden ließ. Mit einer ganz eigenen Installation eines Arsenals an Schlagkörpern, die an mehreren Positionen fast das gesamte Aufführungshaus akustisch vermaßen, entfaltete sich eine präzise rhythmische Virtuosität mit Sven Hermanns "verwellenteilt", Volker Heyns "Break", Gerhard Stäblers "Kybele" und Michael Rooks "abgestempelt". Eine ganz andere Bildwelt entfalteten die vier Musiker des "Schlagquartett Köln" mit ihrer teils tänzerisch geschmeidigen Bewegungschoreographie bei Gerhard Stäblers Kassandra-Studie "Kybele" oder dem nahezu komödiantischen Wasserblasen in Sven Hermanns "verwellenteilt", die beide jedoch der präzisen Umsetzung des Notentextes in klang-räumliche Wirklichkeit folgen. Der abschließende erste Teil aus Steve Reichs "Drumming" stellte mit geradezu klassischem Maßstab eine der konzeptionellen Grundüberlegungen von "kopfHörer" unter Beweis: welche Kraft ein interpretatorischer Zugriff entfalten kann, der sich nicht allein als Erfüllungsgehilfe eines kompositorischen Wollens versteht. Bei aller Unterschiedlichkeit und Differenz der Ansätze der aufgeführten Werke, zeigte sich auch diese Überzeugung in der "cRound" am zweiten Veranstaltungstag, die als Gesprächsperformance von der Dortmunder Musikwissenschaftlerin Eva-Maria Houben mit den Komponisten und dem Publikum gestaltet wurde. Daß Musiker um ihr Leben spielen, wurde während der Konzerte von Interzone perceptible und dem "Schlagquartett Köln" hör- und sichtbar, ob das Komponieren allerdings eine "Frage auf Leben und Tod" sei, darauf wussten auch Gerhard Stäbler, Hans-Joachim Hespos, Volker Heyn und Michael Rook keine schlüssigen Antworten. Und eigentlich ist das auch gut so, reicht das vielgestaltige Spektrum doch von der anderen Form der künstlerischen Existenzweise (Michael Rook) über ein deutlich politisches Bewußtsein (Gerhard Stäbler) zum barock-lustvollen Ausleben des Musikkörpers (Hans-Joachim Hespos). Wichtiger bei all dem ist die Lebendigkeit des gegenwärtigen Komponierens, die sich gerade darin unter Beweis stellt, daß ein anspruchsvolles Forum mit zeitgenössischer Musik auch jenseits der Metropolen eine höchst vitale Intensität zu entfalten vermag, für die das interessierte Publikum sich dankbar zeigte.
[Bernhard Stirner]